Vom Bild zur Wahrnehmung
 
 
Prof. Dr. Wolf Singer
 

Unser Gehirn bestimmt, wie uns die Welt erscheint; unsere Weltbilder sind Konstrukte. Diese Erkenntnis bleibt der Alltagserfahrung verborgen, da gesunde Gehirne die Welt auf ähnliche Weise interpretieren, wird jedoch durch eindrucksvolle Korrelationen zwischen veränderter Wahrnehmung und gestörten Funktionsabläufen im Gehirn belegt. Unsere Intuition irrt auch hinsichtlich der Organisation jener Prozesse im Gehirn, die der Wahrnehmung zugrunde liegen. Es erscheint uns, als müsse es in unserem Gehirn einen Ort geben, an dem die Signale aus unseren verschiedenen Sinnessystemen zusammengeführt und einer einheitlichen Interpretation unterworfen werden, der Ort, an dem sich Empfindungen und bewusste Wahrnehmungsinhalte konstituieren. Dieser Vorstellung widersprechen neuere Erkenntnisse über die funktionelle Organisation unseres Gehirns. Es wird deutlich, dass die Funktionsabläufe in unserem Gehirn in hohem Maße parallelisiert sind. Eine der großen Herausforderungen an die moderne Hirnforschung ergibt sich aus der Frage, auf welche Weise diese parallel ablaufenden Verarbeitungsprozesse im Gehirn miteinander verbunden werden, so dass kohärente Interpretationen der Welt und zielgerichtete Entscheidungen möglich werden.


 
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