Das Kunstwerk im Zeitalter seiner bio-kybernetischen Reproduzierbarkeit. Nach welchen Maßstäben generieren Industrie und Medien Leben für den virtuellen Raum?
 
 
Prof. Dr. William J. Mitchell
 

Walter Benjamin hat in seinem Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" eine Verbindungslinie zwischen den neuen Technologien des Industriezeitalters, der Massen- und Fließbandproduktion und den neuen Bildmedien Fotografie und Film gezogen. Was ist die heutige Entsprechung für die von Benjamin beschriebene Verbindung zwischen industriellem Kapital, Technologie und bildlicher Darstellung? Meiner Meinung nach ist es die "bio-kybernetische Reproduktion", jene Synthese von Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz, die die industrielle Produktion lebender Organismen zur derzeit spektakulärsten und gleichzeitig bedrohlichsten Neuerung macht. Das Verschmelzen von digitaler Animation und biogenetischer Ingenieurskunst wird besonders deutlich am Beispiel der Dinosaurier-Filme von Stephen Spielberg (Jurassic Park, The Lost World). Als ausgestorbene Tierart, die nur aus Knochenfunden bekannt ist, stellt der Dinosaurier eine besondere Herausforderung sowohl für die filmische Animation wie für die biowissenschaftliche "Wiederbelebung" dar. Seine symbolische Funktion als nicht überlebensfähiges Auslaufmodell der Evolution hat den Dinosaurier darüber hinaus zur Ikone für die zyklisch verlaufenden Technologie- und Kapitalentwicklungen werden lassen. Als Totem der modernen Kultur, als reine Verkörperung von populären Phantasien und wissenschaftlichen Spekulationen verkörpert der Dinosaurier darüber hinaus die Fähigkeit moderner Informationstechnologien, mit der visuellen Darstellungen gleichzeitig eine Art "zweiter Natur" zu kreieren, in der flüchtige Bilder eine Art Eigenleben zu führen scheinen.


 
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